भारत में एक वर्ष

One Year in India

 
09Juli
2015

Ram, ram, Goodbye, Auf Wiedersehen - राम राम

Liebe Leser,

nun schreibe ich ein allerletztes Mal aus Indien. Jetzt sind es nur noch wenige Tage bis ich in mein Zuhause in Deutschland komme.

Letztes Wochenende hieß es ein letztes Mal Abschied aus Setrawa nehmen, wir mussten tschüss zu unserer Familie, zu ehemaligen Schülerinnen und zu unseren Freundinnen sagen. In diesem Dorf habe ich wirklich mein Herz verloren, sodass es mir nicht leicht fiel zu gehen. Ich hoffe, dass ich eines Tages (hoffentlich bald) zurückkehren kann, trotzdem, wann das sein wird, das weiß ich nicht. Und es hieß auch Abschied nehmen von einer ganz anderen Lebensform, in die ich an diesem Wochenende wieder ganz leicht zurückgefallen bin: Morgens die Daily Routine mit Waschen, Chai trinken, sauber machen, Wasser holen etc. und dann später Kochen, Papad selber herstellen etc.. Nicht nur die Menschen, sondern auch das Leben in Setrawa werde ich sehr vermissen.. Das Schöne ist aber, dass wir zu diversen zukünftigen Hochzeiten von Suman und Pooja, von unserer Gastschwester und sogar von unseren Nähmädels eingeladen wurden, sodass ein Wiederkommen eigentlich unumgänglich ist! Außerdem war am Samstag ebenso Poojas Geburtstag, den wir gemeinsam bei ihr auf dem Dach mit ihrer Familie feierten. So war es ein schwerer, aber ein guter Abschied, ich konnte mit allen in Frieden gehen.

Zurück in Jodhpur wäre ich aber trotzdem am liebsten direkt in den Flieger gestiegen, einfach weil Setrawa „Mein Zuhause“ war, und ich Jodhpur auch sehr gerne mag, dazu jedoch nicht die gleiche Bindung aufbauen konnte – was ja auch verständlich ist. Die letzten Tage hier versuche ich aber auch nochmal zu genießen, gehe zum Clocktower, besuche den Obst – und Gemüsemarkt, wir wollen nochmal zum Fort hoch, und durch die Old Town, den blauen Teil der Stadt zurück. Auch kulinarisch kosten wir nochmal alles aus, wir gehen abends mit diversen Freunden schick essen, aber genießen auch das Straßenessen in vollen Zügen, all das, was man in diesem einem Jahr so zu lieben und schätzen gelernt hat. Und wenn es heißt, ab in die Rikscha, nutzen wir auch die „indische“ Variante und quetschen uns zu acht  in eines dieser Dreirädler.

Zu sechst in der Riksha Lecker Streetfood Lecker Streetfood Der Omelettmann - eine Institution JodhpursObst-und Gemüsemarkt Jodhpurs

Gemeinsam mit Govind, unserem Chef, Virendra, und Renate, der Vorsitzenden von „Freunde für Sambhali – Deutschland“, hatten wir auch ein Reflektionstreffen, in welchem wir Feedback über das vergangene Jahr und Verbesserungsvorschläge für die Organisation, sowie kommende Freiwillige sammelten. Govind ließ es sich nicht nehmen und so fand es in einem sehr schönen, nahe gelegenen Hotel statt, in welchem wir mehr oder weniger erfolgreich acht Stunden lang, debattierten und unsere Eindrücke austauschten.

Meinem Center sagte ich schon am Mittwoch tschüss, da wir am Donnerstag zum Registrierungsbüro sollten und Freitag wegen Ramadan das Center geschlossen ist. Gemeinsam mit zwei Freiwilligen, Garance (aus Frankreich) und Grant (aus Amerika) veranstalteten wir einen Kunstworkshop, bastelten Geschenkkisten, malten und knüpften Armbänder, während im Hintergrund indische Musik lief. Es war ein wirklich schöner und runder Abschied, mit den Lehrerinnen, den Frauen und Mädels dort kam ich sehr gut zurecht, sie sind alle wirklich freundlich, witzig, hilfsbereit und lieb, ich wünschte, ich hätte mehr Zeit mit ihnen verbringen können um sie besser kennenzulernen (aber wie es im Leben nun mal so ist – man kann nicht alles haben..).

Die kommenden Tage werde ich wohl mit Packen, letzten Vorbereitungen und weiteren Abschieden (und Essen) verbringen, bevor es Sonntagmorgen in den Flieger geht.

Indem ich mich von Indien verabschiede, verabschiede ich mich ebenso von euch, ihr lieben Leser. Danke, dass ihr mich für ein Jahr durch all meine Erlebnisse begleitet habt. Es hat mir eine große Freude bereitet, meine Erfahrungen mit euch zu teilen. 

Ram, Ram - राम राम

eure Annika

02Juli
2015

Happy Birthday to youuuu

Letztes Wochenende war nochmal richtig viel los: 

Jeremy's Birthday

Zum einen hatte Jeremy, der letzte von uns Voluntis Geburtstag und hat dies groß in einem gemieteten Restaurant gefeiert. Wir Freiwilligen waren genauso eingeladen, wie unser Chef, und ein paar weitere indische Freunde. Im Vorhinein hatten wir schon abgeklärt, dass wir Mädels Saris anziehen werden, insbesondere weil einige einen Anlass suchten um ihren endlich einmal zu tragen. Außerdem hatten wir heimlich einen Tanz einstudiert, den wir aufführen wollten. Dafür hatten wir 15 Freiwillige uns jeden Abend in einem Klassenraum getroffen um zu proben mit Manal als unsere Tanzlehrerin. Erstaunlicherweise hat es auch sehr gut geklappt, sodass wir am Samstagabend Jeremy mit unserer Aufführung überraschen konnten. Auch sonst war der Geburtstag richtig cool, er hatte mit seinen Freunden ein paar Gitarrenlieder einstudiert und so hatten wir ein richtiges Programm, wir aßen und tanzten noch, bis Mitternacht. Dann gab es Kuchen und Geschenke und der Abend war dann leider schon viel zu schnell wieder vorbei.
    

Govind's Birthday

Zwei Tage später hatte dann Govind, unser Chef Geburtstag, und das wurde ebenfalls groß im Guesthouse gefeiert. Schon an den Tagen vorher wurde dem Haus ein frischer Anstrich verliehen, Lampions wurden aufgehängt, Boxen aufgebaut und der gesamte Innenhof mit Matrazen und kleinen Tischchen ausgelegt. Diesmal war der Dresscode eher westlich, die ersten Gäste kamen so gegen acht. Zuerst saß man bei ein paar Snack gemütlich beieinander, wir mischten uns unter und unterhielten uns fröhlich (ich traf sogar zwei Inder, die den BVB kannten!!!). Natürlich war es wieder nach Geschlechtern getrennt, auf der einen Seite saßen die Frauen, auf der anderen die Herren Auch hier führten wir nochmal unseren Tanz auf der die Gäste begeisterte. Auch gab es eine Sängerin, die traditionelle rajasthanische Stücke zum Besten gab. Es floss auch so einiges an Alkohol, und später tanzten wir uns die Füße wund, gemeinsam mit den Gästen, Govind, dem Staff und den Küchenjungs - bis morgens um drei dann endlich Schluss war. Was ein Abend – am nächsten Tag hingen alle dann ein wenig in den Seilen und brauchten erstmal einen Tag Pause.

 

02Juli
2015

Leben in Jodhpur

Tanzen

In meiner Freizeit gehe ich gemeinsam mit Marie und Manal zu einem indischen Tanzkurs. Dort lerne ich die Choreografien zu indischer Bollywoodpopliedern. Es ist ein kleines indisches Tanzstudio, ohne AC, nur mit Ventilatoren, eine der Lehrerinnen geht hier auch hin, und ansonsten kommen ältere Frauen und Mädchen. Anfangs fühlte ich mich sehr ungelenk beim Ausführen der einzelnen Bewegungen, schwerfällig wie ein Elefant und konnte nur die eleganten Bewegungen der übergewichtigen Frauen in Kurtas bewundern. Zum Glück ist hier aber niemand perfekt, und über Fehler wird gelacht, sodass ich mich hier schnell wohl fühlte und gerne hingehe.
Gemeinsam mit Manal üben wir auch häufiger auf dem Dach und gehen die Tänze nochmal in langsam durch, wenn es uns doch mal zu schnell ging im Tanzstudio. Dann machen auch die anderen Freiwilligen manchmal mit. Natürlich klappt da bei weitem nicht alles perfekt und wir müssen häufig über uns selber lachen.

Yoga
Vielleicht habt ihr es ja mitbekommen, Indien hat am internationalen Weltyogatag teilgenommen. Auch wenn ich manche Praktiken höchst fragwürdig finde, habe ich das Angebot genutzt und bin zu einer kostenlosen Yogastunde am Sonntag morgen gegangen. Glücklicherweise fand die genau am Sportplatz nebenan statt; gemeinsam mit anderen Freiwilligen und vielen weiteren Indern haben wir eine Stunde lang meditiert und die Übungen ausgeführt. 

Lernen, lernen, lernen

Desweiteren bringt mir Roshan, eine der Lehrerinnen aus dem Center Sticken bei, das ist recht unkompliziert und macht mir echt Spaß. Die beiden Lehrerinnen dort zeigen mir auch wie man eine Kurta und eine Legging näht (- damit kämpfe ich im Moment noch, weil es eher anspruchsvoll und schwierig ist).. Dann versuche ich noch weiter Hindi zu lernen, bzw. das gelernte zu wiederholen,  und verbringe ebenso viel Zeit mit Waschen wie in Setrawa (das wird wohl nie ein Ende nehmen..). Abends treffe ich mich manchmal mit Manal um mit ihr mein Französisch aufzufrischen. Dann sitzen wir gemeinsam mit einer Tasse Tee und unterhalten uns auf Französisch, sie gibt mir Tipps und neues Vokabular. Sie ist jetzt leider abgereist, sodass ich mit einer anderen Französin, ihr Name ist Garance, weiter lerne. Zum „Unterricht“ hat sich jetzt auch eine Italienerin, ein Amerikaner, eine Dänin, eine Spanierin und Jeremy dazu gesellt und gemeinsam kämpfen wir „Internationals“ immer wieder mit der französischen Sprache: Besonders mir fallen häufig die hindi – Vokabeln anstatt der französischen ein, und manchmal mixe ich diese ohne das es mir auffällt. Das sorgt dann für Verwirrung bei den anderen. Meistens entstehen dabei aber auch spannende Gespräche über Kulturunterschiede etc. was ich total interessant finde. 

Leben im Guesthouse
Auch mit den anderen Freiwilligen treffen wir uns abends recht häufig zu einer Tea-Party. Besonders beliebt ist dabei das Zimmer von Aurélie, da sie als einzige über einen Airconditioner verfügt.. Auch so unternehmen wir Freiwillige recht viel zusammen; wir waren mit Govind gemeinsam im Kino, spielen abends Karten, gehen picknicken oder genießen einen Apéro vor dem Abendessen. Den Apéro lernte ich hier erst kennen und bin jetzt schon ein Fan davon: Jeder bringt ein paar Kleinigkeiten und Snacks, (und eigentlich auch Alkohol, aber darauf verzichten wir auch, zumindest manchmal..) und dann wird geteilt, geredet und gelacht. Besonders zu Beginn waren wir Freiwilligen eine kleine Gruppe, sodass man sich sehr gut kennenlernen konnte. Aurélie hatte auch den Vorschlag, dass wir alle unsere eigenen Stoffbeutel designen. Diese Idee hatte sie eigentlich für ihre Centermädels geplant, da es aber zu viele sind, meinte sie, sie macht diesen „Workshop“ gemeinsam mit uns. Überraschenderweise sind wir alle ganz begeistert dabei, und treffen uns nachmittags oder vormittags immer im Nähraum zum werkeln – echt toll! Diese Art von Gemeinschaft hatte ich echt nicht erwartet, bevor ich nach Jodhpur kam, daher genieße ich sie im Moment umso mehr. 

Clocktower
Ansonsten arbeite ich Sonntags noch manchmal in der Boutique, dort werden die Produkte verkauft, die die Frauen in den Centern herstellen, also Kurtas, Schals, Stofftiere etc. Das mach jeden Sonntag ein anderer Volunteer. Danach war ich schon das ein oder andere Mal bei einem Maler, der einem kostenlos Zeichenunterricht gibt. Dort lernt man die berühmte Miniaturmalerei, beginnt erst mit dem Vorzeichnen mit Bleistift und muss dann mit sehr feinen Pinseln fortfahren. Das ist gar nicht so leicht, trotzdem bin ich jetzt zufrieden mit dem Ergebnis. Auch so streife ich gerne in der gschäftigen Marktgegend am Clocktower umher, beobachte das Treiben, kaufe letzte Andenken und versuche nochmal „Indien“ zu genießen.  

21Juni
2015

"The Spice Girls of India"- Women Empowerment in den Straßen Jodhpurs

Auf meiner Einkaufsliste für Deutschland standen noch Gewürze: Bei den anderen Freiwilligen erkundete ich mich, wo man diese denn kaufen könnte, ich wurde an M.V. Spices verwiesen. Die stünden auch im Lonely Planet und seien qualitativ sehr gut.  Okay, denke ich mir, und folge der Beschreibung einer Freundin. Vor dem Shop bleibe ich zweifelnd stehend und fühle mich ein wenig verloren, da winkt mich auch schon eine junge Inderin freundlich herein und bittet mich im besten Englisch Platz zu nehmen.  Gesagt getan, sogleich werde ich gefragt, ob ich von Sambhali sei, das erkennt man an meiner Kleidung, fügt sie mit einem Lächeln hinzu. Ich nicke und fühle mich immer noch ein wenig überfordert in diesem kleinen Laden voller Gewürze, da wird mir auch schon ein Chai angeboten, ein ganz besonderer aber, der liebste von den anderen Sambhali Mädels, fügt sie augenzwinkernd hinzu. Den muss ich auch mal testen! Schon wird der Chai serviert,  sie setzt sich zu mir und stellt sich vor. Ihr Name ist Neelam und sie ist 28 Jahre jung. Wir kommen ins Gespräch und sie beginnt mir ihre packende Lebensgeschichte zu erzählen: 

Sie beginnt damit, dass ihr Vater ein armer Gewürzverkäufer war, welcher vor dem Palast des Maharadschas diese versuchte zu verkaufen. Schon damals fiel den wenigen Touristen auf, wie besonders seine Gewürze seien und schrieben sogar Briefe an den Maharadscha Jodhpurs um ihn zu würdigen. Diese zeigt sie mir sogar – noch mit Schreibmaschine getippt bringen sie mich echt zur Verblüffung. Einige Zeit später eröffnet er seinen eigenen Laden am Clocktower. Das besondere an seinen Mischungen ist zudem, dass sie es für Ausländer einfacher machen, indische Gerichte in der Heimat nachzukochen. Der Laden hält sich gut, bis er plötzlich verstirbt und seiner Witwe sieben Töchter im Alter von 10 bis 22 hinterlässt. In der Familie gibt es keinen Bruder, welcher gwöhnlicherweise den Laden übernehmen müsste.  Dass Frauen nun sein Geschäft übernehmen ist für die Verwandten undenkbar, schließlich sind wir hier in Rajasthan, einem der konservativsten Bundesstaaten Indiens. Sie verurteilen die Mutter aufs Härteste, die ihre älteste Tochter in den Laden schickt. Dort ist sie den verbalen Attacken der anderen männlichen Ladenbesitzer ausgesetzt, als einzige Frau. Später folgt sogar noch eine Säureattacke und selbst ein Polizist möchte sie aufgrund dieses ungehörigen Verhaltens anzeigen und droht ihr sogar mit einem Bambusstock. Auch fürchtet sie die abendlichen Wege nach Hause, wird zeitweise sogar verfolgt. Irgendwann bricht sie unter dem Druck zusammen und erleidet eine Panikattacke. Die Mutter jedoch bleibt standhaft, sie feuert nicht nur missgünstige Mitarbeiter, sondern unterstützt auch ihre Töchter so gut sie kann. Besonders im ersten Jahr nach dem Tod fällt der Umsatz äußerst gering aus, auch dem Verhalten anderer Ladenbesitzer geschuldet. Sie belügen und missleiten interessierte Touristen, und eröffnen Geschäfte mit ähnlichen Namen in der Nähe. Erst langsam erlernt die älteste Schwester, nun unterstützt von einer weiteren selbstbewusst aus dem Laden zu treten, Werbung zu machen, und sich nicht einschüchtern zu lassen. Diese Zeit sei für alle sehr, sehr schwer gewesen, erklärt mir Neelam. Jeder hätte viele Opfer bringen müssen, so auch sie. Eigentlich habe sie „Engineering“ studiert. Da sie aber die einzige sei, die einen guten Gesamtüberblick über Finanzen etc. habe, musste sie ihre Karriere aufgeben und für die Familie einstehen, fügt sie mit einem traurigen Lächeln hinzu. Diese sei jedoch das Wichtigste, und sie würde jedes Mal wieder so reagieren. Einige Frauen in Jodhpur haben, inspiriert durch ihre bewegende Geschichte, ebenfalls einen eigenen Laden eröffnet, jedoch sei es immer noch sehr hart.
Mittlerweile verfügen sie über vier Läden,  in jedem von ihnen hängt ein Bild vom Vater. Der große Traum der Mutter ist es, einen Laden für jede Schwester zu eröffnen. Der Vater nannte seine Töchter gerne, die „Sieben Weltwunder“, und auch ich bin fasziniert von der Stärke und Kraft, die Neelam ausstrahlt während sie erzählt.

Besonders die Art und Weise  berührt mich dabei sehr. Auch wurde eine Dokumentation „The Spice Girls of India“ über sie gedreht, welche ich mir bei ihr anschauen durfte. Sie wurde nicht nur in London, sondern auch am Weltfrauentag in Sidney gezeigt und sorgte für großes Aufsehen.  

Meine Organisation ‚Sambhali Trust‘ steht für Women Empowerment, in den Straßen Jodhpurs konnte ich dieses nun hautnah miterleben. Ich bewundere die „Spice Girls of India“ sehr. Ihre Stärke, Mut, Ausdauer und ihr Zusammenhalt sind ein Vorbild für mich.

PS: Ihr Laden verfügt auch über eine Internetseite, auf der man nicht nur bequem Gewürze bestellen kann, sondern auch einige indische Rezepte zum Nachkochen findet. 
http://www.mvspices.com/

13Juni
2015

Dharavi - Vom Luxus in den Slum - Denkste!

Marie und ich „gönnten“ uns in Mumbai nach auch wirklich vielen nicht allzu guten Hotels ein wirklich schönes mit Pool und leckerem Frühstück. Nach dem direkten Check-out ging es direkt zum Dharavi – Slum, dem größten Slum Indiens und dem drittgrößten  weltweit. Dieser ist besonders bekannt aus dem Film ‚Slumdog MIllionaire‘, da dort unser Hauptdarsteller aufwächst. Ich muss sagen, direkt nach dem Besuch war ich einfach nur wie „geflasht“ von dem Erlebten und echt beeindruckt! Ich hatte eigentlich etwas ganz anderes erwartet, als dass, was ich dann zu sehen bekam, aber von Anfang an:

Wir nahmen zu zweit an einer geführten Tour von einer NGO teil, sodass 80% der Einnahmen danach für Projekte innerhalb des Slums verwendet werden. Unser Guide, Sid genannt, ist selber im Dharavi aufgewachsen, gemeinsam mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester. Nach dem Unfall seines Vaters, fing er schon mit 13 an zu arbeiten, während  er nebenher seinen Schulabschluss machte. Jetzt studiert er am College, lernt besonders gerne nachts in der Bibliothek, und führt tagsüber Touristen durch Dharavi. Seine Lebensgeschichte erzählt er nur nach Nachfrage und ohne irgendwie Mitleid erregen zu wollen, sie spricht ja auch für sich. Für die kleine Schwester sind sie dann umgezogen, damit sie es näher zur Schule hat. Er brachte uns als allererstes bei, dass er den Begriff „Slum“ nicht ausstehen kann, da er etwas Dreckiges, Stinkendes impliziert, ein Ort an dem die Ärmsten der Gesellschaft unter erniedrigenden Verhältnissen leben müssen. Da der Film ‚Slumdog Millionaire‘ genau dieses Bild aber impliziert, ist er dementsprechend auch kein allzugroßer Fan davon.

Der Dharavi an sich ist so groß wie 400 Fußballfelder und besteht aus zwei Bereichen, einmal Wohnraum und einmal Kommerz. Zuerst wurden wir durch letzteren geführt: Plastik aus aller Welt wird hier in tausend kleinen Fabriken weiterverarbeitet; indem es erst sortiert, gewaschen, gecrusht, auf dem Dach getrocknet, und danach zu Pellets von unterschiedlicher Qualität verarbeitet wird. Selbst die Maschinen für diesen aufwendigen Prozess werden im Dharavi nicht nur hergestellt, sondern wurden dort auch erfunden – und das von ‚illiterate people‘, also Menschen die weder lesen noch schreiben können! Das Plastik wird dann an Firmen wie Samsung oder Apple weiterverkauft, und landet dann in Fernsehern, Smartphones, Waschmaschinen und und und. Vielleicht haltet ihr ja gerade ein Stück Dharavi in den Händen..?! Die hier Beschäftigten leben sind fast alle Immigranten aus anderen Bundesstaaten, die nur zur Monsunzeit nach Hause zurückkehren. Für sie ist ihr Arbeitsplatz auch gleichzeitig Schlafplatz, da sie sich die hohen Mietpreise im anderen Teil Dharavis nicht leisten können. Gemeinsam mit Sid, unserem Guide, sahen wir uns den Prozess der Plastikherstellung genau an: auf engstem Raum wird das Plastik recyclet, die Luft kann man sich dabei nur annähernd vorstellen. Auch kletterten wir auf ein Dach, und bestaunten das Meer von Wellblechdächern, soweit das Auge reichte. Dharavi liegt in begehrter Lage mitten im Zentrum Mumbais, zwischen dem Norden und Süden. Einige Teile wurden schon zu Hochhäusern umgebaut, weitere Umbauarbeiten sind zwar geplant, jedoch wird der kommerzielle Teil wohl noch lange erhalten bleiben.
Aber nicht nur Plastik wird hier weiterverarbeitet, auch Papierreste, Kleidung, die eingefärbt, bedruckt und genäht wird, Waschmaschinen werden aufarbeitet, Aluminium eingeschmolzen und zu Blöcken geformt. Und das alles in tausend kleinen, eng aneinander gereihten Fabriken – ohne Arbeitsschutz.

Danach ging es in den Wohnsektor, in welchem laut Sid 1.000.000 Menschen leben. Wir wurden durch winzige Gassen, sogenannten ‚allies‘ geführt, die zwischen den einzelnen ‚Wohnhäusern‘ lagen. Diese sind aneinander gereihte Räume, 4mal4 Meter groß und umgerechnet sogar recht teuer. Die Gebäude sind zweistöckig und in jedem Raum lebt eine andere Familie, meist mit zwei Kindern. Hier wird gekocht, gewaschen, geschlafen, gelebt. Bevor wir diese ‚Allies‘ betraten, warnte uns Sid „Bleibt nicht stehen und verliert mich nicht. Ihr würdet einen ganzen Tag lang brauchen um aus diesem Labyrinth wieder herauszufinden!“. Gesagt getan, und schon ging es los. Über unseren Köpfen berührten sich die Wellblechdächer, nur eine Person passt durch so eine Gasse. Auf unserem Weg schauten wir in die kleinen Räume, sahen Familien bei ihrem alltäglichen Leben (Kochen, Waschen etc.) und versuchten gleichzeitig den Stromkabeln über unseren Köpfen auszuweichen. Besonders die Enge und das dumpfe, wenige Licht fand ich an dieser Stelle  bedrückend. Ansonsten sah der Lebensstandart aber absolut normal aus – zumindest für indische Verhältnisse. Die Menschen, die hier leben, gehören zur Mittelschicht und arbeiten als Ärzte, Anwälte etc.

Man lebt in Communities, aufgeteilt nach Religion (muslimisch, hindu) und Herkunft (Kerala, Tamil, Gujrat). Dharavi verfügt über eine eigene Infrastruktur an Schulen, Märkten, mehreren Krankenhäsuern, welche alle auf dem normalen Standarts liegen. Ein Detail aus dem Film „Slumdog“ konnte Sid aber bestätigen, manche Klassen seien wirklich so überfüllt, wie dargestellt, jedoch, und da muss ich ihm zustimmen, ist diese Situation nicht nur in Dharavi so. Auch hier werden Lederwaren hergestellt, Brot und Kuchen für ganz Mumbai gebacken und Töpferwaren in der Sonne getrocknet.

Und jetzt noch zu den Toiletten: Diese befinden sich außerhalb, es gibt insgesamt 700 Stück, sodass eine Toilette auf 1430 Bewohner kommt. Laut Aussage sind diese jedoch recht sauber, da jeder Bewohner daran interessiert sei, eine schöne Toilette vorzufinden; „nur morgens ist es immer ein wenig busy“..Leider konnten wir uns davon nicht selber überzeugen, ich glaube Sid aber, da er auch sonst meinen Eindruck von Dharavi wiederspiegelt. Es sieht nicht dreckiger als woanders aus, auch der Geruch hält sich in Grenzen, nur die Enge in dem Labyrinth aus Gassen, mit der könnte ich nicht leben.

Am Ende dieser Tour besuchten wir noch eines der Empowermentcenters in Dharavi. Dort werden z.B. Computer-, Englisch-, und Tanzkurse angeboten, sogar einen Fußballklub für Mädels gibt es! Die Anfrage sei riesig und die Wartelisten lang. Wen es interessiert, hier ein Link zu dieser NGO. http://realitytoursandtravel.com/why-reality.php

Der Anblick von  Dharavi war einfach wahnsinnig beeindruckend und faszinierend zugleich und ich bin sehr froh an einer solchen Tour teilgenommen zu haben. Ich muss gestehen, auch ich hatte Vorurteile gegenüber diesem ‚Slum‘, die sich dank dem Erlebten beseitigt haben. Auch heute noch bin ich immer noch tief geprägt von all den Erfahrungen, die ich dort machte und sehe Dharavi nun viel mehr als einen besonderen, beeindruckenden und bewundernswerten indischen Wohn – und Arbeitsraum. 

08Juni
2015

'Brothers for Sisters'

     Seit zwei Wochen bin ich nun in Jodhpur und werde (nur noch!!!) fünf Wochen hier sein. Am Dienstag war ich dann auch direkt in meinem neuen Projekt – dem ‚Brothers for Sisters‘.
Dort sind Frauen und Mädchen im Alter von ca. 14 bis 40 Jahren, um dort Nähen, Sticken, Englisch, Hindi, Mathe und Self – Defense zu lernen. Die Frauen beim Herstellen von Armbändern Wir untersuchen Armbänder auf Fehler für eine Bestellung aus KanadaManal, das ist eine marokkanische Freiwillige, und ich arbeiten dort gemeinsam mit zwei ‚Local Teachers‘ zusammen. Ich unterrichte einen Englisch – Beginners Course, bringe einer Schülerin das Alphabet bei und darf auch Mathe unterrichten! Besonders darüber habe ich mich sehr gefreut, weil es mal Abwechslung bringt. Meine Schülerinnen dort sind Teenager, besonders aufgeweckt und kommunikativ (untereinander) aber es macht mir wirklich Spaß! Meine Matheschülerinnen beim StickenIn meiner anderen Englischgruppe habe ich zum ersten Mal auch mit „älteren“ Frauen zu tun, dort beträgt die Altersspanne auch von 8 bis 30, was ich einerseits als Herausforderung empfinde. EnglischunterrichtAndererseits sind besonders die älteren auch sehr neugierig und interessiert am Lernen von Neuem und Helfen häufig auch den kleineren. Und bei Spielen sind sie meistens genauso begeistert dabei wie alle anderen auch.
Was in diesem Center auch eine Besonderheit ist, ist, dass zumindest die Hälfte der Frauen muslimisch ist, und gemeinsam mit hinduistischen Frauen unterrichtet wird. Ich weiß leider nicht, wer jetzt genau, welcher Religion angehört (es ist mir auch egal), da die Frauen im Center die rosa ‚Sambhali‘- Schuluniform tragen. Zu Beginn wird hier auch nicht gebetet, sondern ‚We shall overcome‘ gesungen, bzw. gelispelt, da viele das ‚sch‘ in ‚shall‘ nicht richtig aussprechen können. Die Frauen beim Singen von 'We shall overcome'       Das Schöne ist auch, dass die Mädels hier mein ‚Gastarbeiter‘-Hindi richtig gut verstehen, zumindest einige. Daher benötige ich die Hilfe von den Lehrerinnen nur sehr selten, da ich ihnen Aufgaben einfach auf Hindi erklären kann, das bringt sie bisweilen auch zum Lachen, ich werde streng verbessert, aber irgendwie verstehen sie mich auch doch und können sich dann ohne Hilfe an die Aufgabe setzen. Das ist ein schönes Gefühl zu sehen, dass die ganze Arbeit, das Vokabel – und Grammatiklernen endlich mal Früchte trägt. Letztens saß ich sogar mit einer Schülerin zusammen, die gerade ein Anfängerbuch auf Hindi gelesen hat. Gemeinsam entzifferten wir die Wörter - ich konnte sie verbessern, wenn sie einen Buchstaben vergessen, oder falsch ausgesprochen hat, einfach weil ich die Schrift ja auch lesen kann. Zwar verstand ich die Hälfte der Worte nicht aber immerhin wusste ich welches Wort da steht und sie kannte die Bedeutung. Somit waren wir zwei echt ein ganz gutes Team. 

Jeden Mittwoch ist hier Workshop – Tag und Manal und ich bereiten diesen dann immer vor. Wir hielten bereits einen zum Thema „Ernährung“  Nutrition - Workshopund letzte Woche zeigten wir ihnen, wie eine traditionelle muslimische Hochzeit in Marokko und eine christliche Hochzeit in Deutschland stattfindet. Schon die Vorbereitung hat mir Spaß gemacht. Bei der Präsentation waren die Schülerinnen richtig fasziniert von den schönen Kleidern und belustigt von einigen Bräuchen (Polterabend zum Vertreiben der bösen Geister sorgte für Lachen). Danach zeigten wir ihnen noch Videos und baten sie die christliche Hochzeit nachzuspielen. Das sorgte für Begeisterung, feierlich schritten Vater und Braut den Gang zum Hochzeitsmarsch von Wagner entlang, ich durfte ihnen dann die alles entscheidende Frage „Willst du?“ stellen und sie steckten sich die Ringe an.Feierlich werden Ringe getauscht Danach wurde das Brautpaar mit Reis beschmissen und auch der Brautstrauß wurde geworfen – und von der 17 – jährigen Yasmeen enthusiastisch aufgefangen! Das war wirklich ein schöner Workshop.'Familienhochzeitsfoto'

Später tanzten wir dann noch gemeinsam mit unseren Schülerinnen zu indischer Musik, da besonders Manal auch sehr begabt darin ist und den Frauen zeigt und erklärt, wie einige der Tanzschritte von bestimmten Choreographien genau funktionieren.Manal erklärt die Tanzschritte  Shaheen beim TanzenWir ergänzen uns ganz gut, da ich mit meinem Repertoire an Spielen und Liedern für Zeitfüller sorgen kann, wenn mal wieder kein Strom da ist

07Juni
2015

Nordreise

Seit zwei  Wochen bin ich nun vom Reisen zurückgekehrt! Gemeinsam mit Marie (und größtenteils Jeremy)erkundigte ich besonders den hohen Norden des Landes und konnte dabei viel an neuen Erfahrungen und Eindrücken mitnehmen.

Zum Glück war diese Reise ein wenig entspannter als die Südreise, wir konnten an dem ein oder anderen Ort auch mal ein paar Tage verweilen, die Seele baumeln lassen und entspannen.
Während des Trips hat mich besonders der tibetische Buddhismus fasziniert – dazu werde ich einen seperaten Eintrag verfassen, ähnlich wie zu meiner Zeit in Mumbai und dem dortigen Dharavi Slum, weil das sonst alles hier sprengen würde (und ich will den Leser nicht mit allzu laaaaangen Artikeln vergraulen).

Gestartet sind wir aber so richtig gut: Um jetzt nicht allzu sehr auszuschweifen, wir hatten uns zwar im Vorhinein um Zugtickets nach Varanasi (24 Stunden Zugfahrt) gekümmert, uns wurde dann aber am Montagmorgen, eine viertel Stunde vor Abfahrt, mitgeteilt, dass die Reservierung fehlgeschlagen sei. Da wir aber trotzdem auf jeden Fall loswollten, stiegen wir ohne Sitzplatztickets in den völlig überfüllten Zug, erkämpften uns zu dritt eine Liege, die uns ein sehr netter Inder zur Verfügung stellte und verbrachten so unsere erste Nacht, halb hockend, halb liegend, halb schlafend, halb wach.Endlich da!

Varanasi

Man kann zwar auch besser in seine Reise starten, aber dann wäre es schließlich auch nicht Indien..  In Varanasi angekommen, erkundigten wir zu allererst einmal die Stadt: Banares, wie manche Inder auch sagen, liegt am heiligen Fluss Ganges und ist die älteste Stadt Indiens. Sie ist besonders bekannt dafür, dass Hindus dort ihre verstorbenen Verwandten hinbringen um sie zuerst zu verbrennen und die Asche dann im Ganges zu verstreuen. Diese Einäscherungen finden  an den „Verbrennungsghats“, einfach ausgedrückt an Treppenstufen am Fluss, statt und werden von den Totenwächtern, den ‚Doms‘, ausgeführt. Nach bestimmten Regeln und Traditionen wird die in Stoff gewickelte Leiche auf Holzstämme gelegt, die dann angezündet werden. Das alles kann jeder öffentlich mit ansehen (Fotos sind natürlich nicht erlaubt!). Es ist schon ein wenig erschreckend und abstoßend an den Verbrennungsghats zu stehen, teilweise sieht man auch die angebrannten Knochen der Toten. Man will einerseits gar nicht hinschauen, weil es sich so verboten, so gegen jede Ethik anfühlt, entehrend für den Toten. Andererseits ist man auch fasziniert und wird magisch davon angezogen. An den Ghats herrscht gleichzeitig auch ein Gewusel an Menschen (und Kühen), täglich finden an den acht Verbrennungsstellen bis zu 300 Einäscherungen statt, dementsprechend viel Rauch liegt in der Luft, sodass man schwer atmen kann. Taucher suchen in den Gewässern rund um diesen Ghat nach Schmuck von den Verstorbenen, Trauernde stehen herum, auf Barren liegende Leichen werden immer wieder herangetragen, das alles ist schon ein wenig makaber, erschreckend aber auch faszinierend, weil es so einen wichtigen Teil der hinduistischen Kultur ausmacht.   Beim Lassi Essen   

Wir nahmen auch an zwei Bootstouren (einmal morgens, einmal abends) teil um uns dieses Treiben genauer ansehen zu können: Uns wurde dazu erklärt, dass die Verbrennungen hauptsächlich stattfinden um die Toten von ihren Sünden zu bereinigen. Bei Kindern, Schwangeren und Leprakranken, ist das nicht nötig, diese werden mit Steinen beschwert so in den Ganges „geworfen“. Manchmal lösen sich dann die Steine, sodass diese dann wieder auftauchen. Auch so ein Anblick wurde uns nicht erspart. Da der Ganges so heilig für die Hindus ist, waschen sich dort viele auch, trinken das Wasser, Kinder lernen schwimmen, Frauen waschen ihre Wäsche und das alles in einer Brühe, die ich lieber nicht auf seine ganzen Chemikalien und Inhaltsstoffe untersuchen möchte..

Für mich hat Varanasi besonders das alte Indien wiedergespiegelt: Das Straßengewirr der Altstadt, in dem wir uns nicht nur x-Mal verlaufen haben, wo es laut und eng ist, ständig gehupt wird, man gleichzeitig darauf achten muss, dass man nicht in Kuhscheiße tritt, (ich hatte das Vergnügen leider mehrmals..) Schmale Gassen in der AltstadtDann die Hochzeiten, die auf dem Ganges in Booten stattfanden, Paan, eine leicht anregende Mischung aus Betelblättern, das an jeder Straßenecke verkauft wird und das viele Inder irgendwo in ihren Backen zerkauen, und bei Gelegenheit als roten Saft wieder ausspucken, besonders beliebt bei Rikschafahrern, Shopkeepern, Bootsfahrern und Angestellten. Dazu noch die fettesten Wasserbüffel, die ich je gesehen habe (unser rassistischer Setrawawasserbüffel ist gertenschlank dagegen) und Männer die sich morgens mit Holzstücken und Gangeswasser die Zähne putzen.Wasserbüffel und sich waschende Inder

 

Rishikesh

Danach ging es weiter nach Rishikesh, dass für seine Spiritualität und seine vielen Ashrams bekannt ist. Ein Ashram ist dabei eine spirituelle Unterkunft oder ein Kloster, dass häufig mit kulturellen Aktivitäten wie Yoga, Musik, Tanz, Gebet verbunden ist. In so einem Ashram kamen auch wir drei unter und nahmen morgens früh und am späten Nachmittag an Yoga-Stunden teil. Für uns alle war es das erste Mal, dass wir Yoga wirklich ausübten. Überraschenderweise war das sehr anstrengend, es hat aber auch echt Spaß gemacht, sodass ich gerne damit fortfahren würde. Auch die Atmosphäre im Ashram war sehr entspannt, viele Leute nutzen die Zeit dort auch als Rückzugs-und Meditationsort. Am Abend fand auch eine Pooja am Ganges (Verehrung des Flusses) statt, bei der wir gespannt zusahen.Pooja am Ganges Ansonsten besichtigten wir in Rishikesh noch den verfallenen Beatles-Ashram, ein wunderschöner, verwunschener (märchenhafter) Ort, Beatles Ashramunternahmen einen Spaziergang zu einem nahe gelegenen Wasserfall und versuchten uns im Rafting auf dem Ganges – was ein Abenteuer!     

Manali/ Vashisht

Ähnlich aufregend ging es dann auch weiter: Wir beschlossen den staatlichen Nachtbus nach Manali bzw. Vashisht zu nehmen – das war keine gute Idee: Die gesamte Straße bestand wirklich NUR aus Schlaglöchern, mein Po hat noch nie so häufig die Sitzfläche verlassen, ich hatte danach blaue Flecken an Schultern und Knien, an Schlaf war da kaum zu denken, es war grauenhaft! Deshalb brauchten wir in Vashisht erstmal Erholung. Dort war es auch angenehm kühl, nachts beinahe richtig kalt. Ich fühlte mich ein wenig wie auf einer Alm mit den ganzen Blockhütten, der grünen Landschaft, dem sprudelnden Fluss im Tal. Wir spazierten zu nahen Wasserfällen, in umliegenden Wäldern, erkundigten kleine Ortschaften, und auch das Shoppen kam nicht zu kurz..Es war richtig schön mal ein paar Tage auszuspannen und der perfekte Ort dafür.   

Weiter ging es nach Daramshala/Mc Leod Ganj, dem Sitz des Dalai Lamas. Dazu werde ich noch einen seperaten Artikel schreiben, da mich die Zeit dort besonders geprägt hat. Dort gingen wir aber auch für einen Tag wandern, von 1800m auf 3600m in die Höhe, auf einen nahe gelegenen Berg (Triund). Oben angekommen war der Ausblick über Daramshala und die umliegenden Wälder, sowie auf der anderen Seite der Himalaya wirklich unbeschreiblich. „Dort ändert sich das Wetter alle fünf Minuten“ hatten uns andere Freiwillige vorher mitgeteilt, und es stimmte: Zwischenzeitlich kam die Sonne raus, dann zog es sich wieder zu und es regnete, gefolgt von starkem Wind. Dementsprechend sah der Himmel auch aus, es war wirklich einzigartig einfach zu sitzen und das Farbspektal  um einen herum zu beobachten. Wir nutzen ebenso die Möglichkeit zu zelten, was im Nachhinein ein spannendes Erlebnis war. In der Nacht stürmte, donnerte, regnete und blitzte es wirklich gewaltig. Ich bin eigentlich kein Angsthase, aber dort oben nur von einem Zelt „geschützt“ zu liegen, während die Erde vom Donner bebte, da fürchtete ich mich schon ein wenig. Uns ist aber nichts passiert, all unsere Sachen sind trocken geblieben, und eine weitere Nacht mit wenig Schlaf konnten wir auch ganz gut verkraften. Leider hatte ich Cleverkus nur oben auf dem Berg so einen großen Appetit auf Ei, dass ich mir ein Omelett bestellte: Vielleicht nicht mein bester Einfall, wenn man bedenkt, dass es dort keinen Wasser – und Stromanschluss gibt. Die folgenden Magenprobleme ließ ich jedenfalls von einem tibetischen Arzt behandeln: Dieser findet (angeblich) nur durch Pulsfühlung meine Krankheiten heraus. Auch nach den Erfahrungen der anderen bin ich mir nicht ganz sicher, ob er nicht einfach nach Wahrscheinlichkeiten geht (viele Ausländer haben Rücken – und Magenprobleme), oder ob er wirklich nur durch Fühlen des Pulses die Missstände findet. Die Pillen, die mir daraufhin verschrieben wurden, sollen wohl bei Vollmond getrocknet worden sein und sind so besonders wirksam. Schmecken tun sie übrigens scheußlich, vielleicht ein wenig nach Erde, geholfen haben sie aber zumindest etwas…  

Amritsar   

        Nach Amritsar fuhren wir hauptsächlich aufgrund des „Goldenen Tempels“ der zur Religion „Sikhismus“ gehört. Diese hat sich vor mehreren hundert Jahren vom Hinduismus aus weitergebildet und ist ihr in vielen Punkten ähnlich, hat mich aber auch in einigen Aspekten überrascht!  Wir nutzen die Möglichkeit und übernachteten in einem Abteil für Ausländer in einem Guesthouse, das im riesigen Tempelkomplex lag. Ich fühlte mich wie bei einer Übernachtungsparty, oder wie auf Klassenfahrt, mit all den anderen Reisenden in dem großen, wirklich schönen Schlafsaal (es gab sogar AirCondition!) zu übernachten. Da kam man natürlich auch schnell in Kontakt und tauschte sich untereinander aus: Einer wollte z.B. mit dem Fahrrad von Indien zurück nach Österreich fahren. Ein anderer hatte schon häufiger im Tempel übernachtet und war so freundlich uns herumzuführen: Dabei wurde mir erst die Dimension der Anlage bewusst: Wir mussten nämlich nicht nur nichts für die Übernachtung bezahlen, auch Essen, Chai und Wasser wurde kostenlos zur Verfügung gestellt. Speisesaal Die meisten Tätigkeiten im Tempel basieren auf Freiwilligenbasis und jeder der möchte kann mithelfen. So bestaunten wir nicht nur, wie die weltgrößte Chapattimaschine, diese Teigfladen für ca. 5000 Leute am Fließband produzierte, nein, wir engagierten uns auch tatkräftig beim Chapatti Ausrollen und mit Öl Bestreichen oder beim Umrühren in den riesigen Metallbehältern. Der Tempel an sich ist auch wirklich wunderschön, wir umrundeten ihn einmal morgens und abends. Jedoch fand ich die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der Sikhs viel beeindruckender. Jeder packte mit an, beim Reinigen der Teller, beim Austeilen von Essen und und und. Außerdem fuhren wir noch zur pakistanisch-indischen Grenze und sahen uns eine Grenzschließungszeremonie an. Diese war an sich nicht allzu spannend, indische Soldaten marschierten auf und ab und die Flagge wurde feierlich gehisst. Jedoch ging es dort zu wie im Stadion, die Inder jubelten und johlten bei jedem Aufmarsch wie sonst was! 

Danach verließ uns Jeremy und Marie und ich reisten weiter naaaaach Mumbai! 

Mumbai


Dazu auch eine kurze Anekdote: Wir beide dachten, dass der Zug von Amritsar nach Mumbai nur 22 Stunden dauern würde. Nach 5 Stunden Zugfahrt warfen wir nochmal einen genaueren Blick auf die Fahrkarte und uns wurde bewusst, dass zwischen dem 16. Und 18. Mai, ja doch der 17. liegt und wir leider 46 Stunden im Zug verbringen müssen! Das war aber auch nicht weiter schlimm, der Zug war nicht allzu voll und wir machten viele nette Bekanntschaften. Angekommen erkundigten wir zuallererst die Stadt: Wir sahen das India Gate, den Victoria Terminus, ein vor allem aus ‚Slumdog Millionair‘ bekannter Bahnhof (erkennt ihr ihn wieder?),  die Town Hall - eine uralte Bibliothek -, fuhren hoch nach Malabar Hill, dem Wohnort der Reichen und schlenderten danach gemütlich am Marine Drive, der Strandpromenade,  zurück. Dann waren wir noch an den Sassoon Docks, dem großen Fischmarkt Mumbais. Dort werden täglich Mengen an Fisch und Garnelen angeschifft. Wir kamen um die Mittagszeit, schon der Duft führte uns her und wir beobachteteten wie insbesondere Frauen in riesigen Hallen Garnelen pulten und Fisch weiterverarbeiteten. Es war ein geschäftiges Treiben   Männer an den Sassoon Docks beim Carambolage spielen und es roch überall nach Fisch. Auch fuhren wir mit der Fähre zur Elephanta Island, wo sich die Elephanta Höhlen befinden. Diese Weltkulturerbstätte ist bekannt für seine neun in Stein gehauenen Darstellungen Shivas.   Glücklicherweise hatten wir eine Führerin, die uns diese im Jahre 500 n. Chr. Arbeiten genau erklären konnte, sodass ich die Höhlen als der beeindruckend und faszinierend empfand.         

Udaipur

Als letzte Station auf unserer Reise peilten wir Udaipur an – die Stadt in der James Bonds „Octopussy“ spielt. Den sahen wir uns natürlich auch abends in einem Restaurant an! Ansonsten machten wir noch eine Bootstour auf dem schönen See, gingen am Ufer spazieren, Shoppen, besichtigten den Palast und verbrachten noch einen entspannten Tag, bevor wir gen neuer Heimat aufbrachen.    

31Mai
2015

Ode an Setrawa

Es war nicht immer alles perfekt in Setrawa. Besonders in unserer Gastfamilie stießen wir beizeiten auf Unverständnis. So war es immer ein wahrer Kampf um den Herd, wenn wir uns einmal selber etwas Zubereiten wollten und auch den Sonnenplatz auf der Wäscheleine mussten wir so manches Mal verteidigen (jetzt haben wir unsere eigene). Wir konnten uns selten etwas einfach aus der Küche selber nehmen, sondern wurden immer bedient. Vielleicht kommt die Sorge um unsere Sicherheit ein Grund dafür sein, jedoch waren es einfach diese Kleinigkeiten, die ein paar graue Wolken vor meine sonst so sonnige Sicht auf Setrawa schieben. Auch wurden wir hier immer noch angestarrt, wobei das schon sehr viel weniger geworden ist. An manchen Tagen lacht man drüber, an manchen regt man sich auf, besonders wenn männliche Wesen mit offenem Mund stehen bleiben und gaffen. Da fehlt nur noch der Sabber und das Bild ist perfekt. Nichtsdestotrotz möchte ich mir dadurch meine schöne Zeit in Setrawa nicht kaputt machen lassen durch enervierende und lange Ausführungen. Ich möchte die einmaligen Erinnerungen im Gedächtnis behalten, die Marmeladenglasmomente, die ich besonders in der  letzten Zeit nochmal hatte. (siehe Blogeintrag „Marmeladenglasmomente“).

Eine Freiwillige in Jodhpur sagte neulich, „Krass, dann ist „euer“ Projekt ja schon fast vorbei hier!“ Und es stimmt, meine Zeit in Setrawa ist nun vorbei. Nun hat meine Zeit in Jodhpur begonnen. Und ich möchte realistisch sein, die eineinhalb Monate in Jodhpur werden nicht vergleichbar sein können, wie die neun Monate hier. Ich glaube nicht, dass ich solche tiefen emotionalen Bindungen zu Indern, wie ich sie in Setrawa aufgebaut habe,  nochmal Finden werden kann. Weder zu den Kindern, Lehrerinnen oder Frauen – vielleicht muss ich das auch gar nicht. Die Zeit in Setrawa kann ich daher als meine prägendste Beschreiben. Das klingt jetzt ein wenig pessimistisch, aber so meine ich das gar nicht. Ich freue mich auch schon auf das Leben hier in Jodhpur. Auf die Projekte, die ganz anders sein werden, aber auch das Leben. Bis jetzt bin ich auch sehr begeistert von Jodhpur und von meinem Projekt hier, aber dazu später mehr. In Setrawa lebte ich in meiner indischen Blase, sehr abgeschnitten von Informationszufuhr, Internet etc. und konnte so in die indische Kultur viel tiefer eintauchen. In Jodhpur lebe ich im Guesthouse mit Freiwilligen aus der ganzen Welt. Das finde ich auch sehr spannend und ich freue mich schon auf den internationalen Austausch. Auch blicke ich dem Alltag in einer indischen Großstadt gespannt entgegen und werde mich überraschen lassen müssen, wie das so sein wird.

Trotzdem bin ich auch dankbar, dass ich zwischen meinen beiden Projekten meinen Resturlaub nehmen konnte. Ich konnte diese Zeit gut nutzen um die Erfahrungen zu reflektieren und Abstand zu gewinnen. Und natürlich war es auch schön einen weiteren Teil Indiens erkundigen zu können.

Ich möchte noch so einiges über Setrawa loswerden, ein paar Gedanken, die vielleicht ein wenig unsortiert wirken, die ich aber trotzdem gerne teilen möchte. Auch damit ich euch Lesern noch ein paar Eindrücke von Setrawa und meinem Leben dort vermitteln kann.

In Setrawa bin ich für neun Monate in eine ganz andere Lebenswelt abgetaucht, und werde Zeit und Reflektion brauchen um wieder aufzutauchen. Die Umstände unter denen manche der Familien leben sind teilweise sehr ärmlich. In kleinen Lehmhütten zu siebt oder acht lebend, ohne fließend Wasser und Strom, das waren eines der krassesten Extreme, das ich gesehen habe. Aber auch Familien, die am Markt leben, zu acht in einem schmalen Steinhaus. Viele Kinder sind hier sehr dünn, zum Teil denke ich, das sind die indischen Gene. Als wir jedoch einmal Besuch von zwei Freiwilligen aus einem anderen Sambhali- Center hatten, die eine davon war Kinderärztin in Slowenien, fragte ich sie: „Sind die Kinder hier ‚unterernährt‘?“ Sie antwortete mit einem klaren „Ja, die meisten“, sagte aber im gleichen Atemzug, „solange sie munter und fröhlich durch die Welt springen können, ist das okay.“ Das beeindruckte mich schon, denn Herumrennen, Hüpfen, Schreien, Lachen, (uns Lehrer ärgern), DAS können unsere Schüler. Wir spielen manchmal ‚Duck, Duck Gus‘ (Ente, Ente, Gans), und wie schnell einige von diesen kleinen Knirpsen sind, das ist schon beeindruckend! Auch wenn man in die strahlenden Kinderaugen schaut, teilweise ein freches Grinsen, oder ein süßes Lächeln auffängt, dann hat man das Gefühl, dass es unseren Kindern – trotz Armut – irgendwie gut geht. Neulich meinte auch eine Freiwillige aus Jodhpur, welche bei uns übers Wochenende den Taschenlampenworkshop gemacht hat, „Eure Kinder wirken glücklich, vielleicht sogar glücklicher als die deutschen Kinder.“ Das kann man vielleicht so verallgemeinert nicht sagen, aber es hat mich aufmerken lassen und mir vor Augen geführt – ja „unsere“ Kinder, wie sie da Herumalbern und immer nur Spielen wollen, selbst in der prallsten Sonne, sie wirken nicht traurig, hungrig, oder krank, auch wenn sie teilweise unter Umständen leben, die ich keine Woche aushalten würde.

Und trotzdem teilen sie dann manchmal noch immer das mit uns, was sie haben; einen Chai, ein paar kleine Snacks. Diese Art von Gastfreundschaft ist einmalig und war mir davor noch nicht bekannt.

Ich weiß jetzt schon, dass ich vieles in Setrawa vermissen werde und schon jetzt misse. Besonders die Einfachheit und Unkompliziertheit. Ich wurde häufig gefragt: Weißt du wie heiß es bei euch ist? Nein, das weiß ich nicht, hier schaut niemand aufs Thermometer,  kaum einer kennt den Wetterbericht für morgen. Warum? – Weil die Leute es hier nicht brauchen. Es gibt vieles auf dass sie verzichten können, wahrscheinlich auch weil sie es nicht kennen. Mir aber hat es gezeigt, dass ich ebenso darauf verzichten kann, dass ich manche Dinge einfach auf mich Zukommen lassen muss. Natürlich schadet es nicht auch Sachen im Voraus zu planen, aber manchmal bringt das alles nichts, weil alles anders kommt. Das ist mir hier so häufig schon passiert, anfangs habe ich mich noch darüber geärgert, aber was bringt das? Ich denke, ich bin in dieser Hinsicht entspannter geworden und hoffe ein wenig von dieser Mentalität beibehalten zu können. Außerdem habe ich gelernt, die Dinge so zu nehmen wie sie sind, zumindest die, die man kaum ändern kann. Ich weiß, ich kann nicht dafür sorgen, dass die Kinder immer genug zu essen kriegen, dass sie regelmäßig (oder überhaupt) zur Schule gehen, dass sie Zuhause gleich wie der Bruder behandelt werden. Was ich aber kann, ist daraus das Beste zu machen, aus den einfachsten Dingen, Spiele entwickeln, Englisch zu unterrichten, Lieder zu singen und die Kinder zum Lachen zu bringen. Das sind Dinge die ich hier auch erst lernen musste.

Natürlich ist mir auch bewusst, dass hier nicht alles perfekt war und ich möchte auch nicht alles rosarot malen. Setrawa als Dorf ist schließlich auch nicht perfekt, sonst wäre es nicht Setrawa und Sambhali wäre auch nicht nötig. Trotzdem habe ich hier so viele schöne Momente verbracht und war hier häufig sehr glücklich.

Das liegt vorallem auch an all den lieben Menschen, die ich in Setrawa getroffen und kennengelernt habe: Die Stärke der Frauen, von denen ich viel lernen konnte, jene die mich herzlich auf der Straße anlächelten, wenn ich vorüber ging, diese die mich freundlich grüßten, oder gar auf einen Chai einluden, unseren Kindern, die Lehrerinnen und all jene mit denen wir uns angefreundet haben, möchte ich an dieser Stelle meine Dankbarkeit ausdrücken. Dank Ihnen hatte ich eine einzigartige Zeit in Setrawa an welche ich noch lange mit einem Lächeln im Gesicht zurückdenken werde.

25April
2015

Marmeladenglasmomente

Zum Abschluss möchte ich nochmal all die kleinen Erinnerungen hier festhalten, die ich in meinen letzten Wochen noch mitnehmen durfte. Ich nenne sie „Marmeladenglasmomente“, die ich mir immer wieder hervorholen kann, wenn ich Setrawa, das Center, die Lehrerinnen und die Familie vermisse.

Besonders die letzten Wochen waren noch einmal richtig schön und zwar in allen Bereichen.  

Privateschoolgirls

Mit unseren Privateschoolgirls war ich zwischenzeitlich eher unzufrieden. Es war nicht leicht so viele (geschwätzige) Mädels, die auf komplett unterschiedlichen Levels sind, zu unterrichten, vor allem auch weil ihre Motivation zeitweise eher flach fiel. Am Ende konnten wir ihr Interesse aber wieder wecken mit dem wunderbaren Thema „Fashion“. Da konnte jedes Mädel etwas zu beitragen. Wir gaben ihnen die Aufgabe, ihre „perfekte“ Schuluniform selber zu designen, bzw. an Puppen zu zeichnen:  Dabei kamen mir bisher unbekannte kreative Seiten zum Vorschein, die mich Staunen ließen. Die Mädels hatten auch ihren Spaß, sodass wir so doch noch einen schönen Abschluss finden konnten.  

 

Sewing Class

Der Abschied mit unseren Sewinggirls fiel mir besonders schwer: Mit ihnen war der Unterricht häufig eher auf einer freundschaftlichen Ebene, es wurde viel gescherzt und gelacht, da wir auch alle ungefähr im gleichen Alter und mit ähnlichen Interessen waren.  In den letzten Stunden schauten wir zusammen nochmal High School Musical; eigentlich hatte ich diesen klassischen Hollywood Teenie Film auch auf Hindi, das war aber gar nicht nötig! Wahrscheinlich auch weil die Handlung so einfach gestrickt ist, war es kein Problem für die Mädels zu folgen und zu verstehen. Auch bastelten wir zusammen Armbänder und schrieben für jeden einzelnen einen persönlichen Abschiedsbrief. Wir begannen diese Klasse als Lehrerinnen, aber gehen als Freundinnen.Und das ist ein schönes Gefühl.  Hier die gesamte Sewing Class mit uns und der Lehrerin Jasu Devi: Diese kann leider kein Englisch, aber ihre ruhige und liebe Art hat uns beide beeindruckt, Deswegen schenkten wir ihr zum Abschied eine Kleinigkeit über die sie sich mit am meisten gefreut hat - wirklich herzerwärmend!   

 

Center

Ein weiterer schöner Moment im Center war, als Marie Besuch von einer Freundin ihrer Mutter und ihrer Arbeitskollegin bekam. Deren Ehemann ist als Puppenspieler tätig und brachte sein eigenes kleines Handspieltheater im Holzköfferchen mit! Aufgeführt wurde ganz klassisch „Der Regenbogenfisch“.   Das brachte nicht nur in mir Kindheitserinnerungen hoch. Es war fast Gänsehautathmosphäre; so gebannt und still habe ich unsere Schüler(innen) selten erlebt! Mit offenen Mund (Augen und Ohren) verfolgten sie staunend das Stück und erfreuten sich an der liebevollen Gestaltung. Danach durften sich einige auch selber als Puppenspieler versuchen, was ebenfalls für echte Begeisterungsstürme sorgte. Ein schöner Moment. Auch unsere Sewinggirls und Lehrerinnen erfreuten sich am Theaterstück.

Peacockler

Isabell und Lydia, zwei weitere Volunti-Freiwillige aus Jodhpur kamen uns besuchen und hielten einen Taschenlampenworkshop: Da bastelten unsere Kinder mit Batterie, Glühlampe und sogar einem Schalter mit Anleitung Taschenlampen. Das ist nicht nur super praktisch bei den häufigen Stromausfällen hier, sondern begeisterte so sehr, dass die Kinderaugen mit den Lampen um die Wette strahlten!    (Einige Eltern von Kindern, die an dem Tag nicht da waren, baten ebenfalls um diese Lampen und reagierten höchst ungehalten, als wir ihnen erklären mussten, dass leider keine mehr übrig sind – ja, sie verboten ihren Kindern sogar für einige Tage ins Center zu kommen! Eine höchst kindische Reaktion…)

Meine Peacockler:

Ich werde jeden einzelnen von meinen am Ende vier Schülern sehr vermissen: Da war einmal Ramchandra, elf Junge Jahre jung, aber kein bisschen auf den Mund gefallen. Er ist sehr clever, knallhart ehrlich (‚Annika your lesson is boring today‘), aber wirklich auch interessiert an allem neuen. Gemeinsam mit Sonu, macht er auch gerne mal Quatsch. Sonu ist ähnlich clever, und ihr Englisch mit Samta das Beste. Auch sie grummelt bei einer schwierigen Aufgabe gerne mal rum. Genau wie Ramchandra ist sie echt kreativ und denkt sich gerne die wildesten Geschichten aus. Samta, ihre ältere Schwester ist etwas ruhiger, und ein guter Ausgleich für die Truppe. Raul ist der Jüngste der Bande hat meistens ein Kaugummi im Mund (was eigentlich verboten ist) und turnt die ganze Zeit irgendwo auf der Decke herum. Noch dazu hat er häufig  einen Ball oder ein Gummitwist dabei, mit dem er ebenfalls herumspielt, oder er wirft das Radiergummi in die Luft, er kann einfach nicht still halten. Das übt des öfteren meine Geduld, da er im Abschreiben, Wasser trinken meistens der Langsamste ist, wenn es aber ums Helfen geht, ist er immer dabei. Überhaupt, da meine Schüler mit die Ältesten sind, müssen sie häufig helfen; beim Steine schleppen, Wasser holen etc. was sie mit Begeisterung machen – schließlich haben sie dann keinen Unterricht.. :D

Aprops Steine schleppen: Nate, ein Freiwilliger aus Jodhpur hat bei uns in Setrawa ein spannendes Projekt initiiert. Im Grunde genommen geht es darum, dass man aus alten Lebensmittelresten, getrockneten Blättern, Kuhmist und Erde Kompost herstellt und diesen dann an umliegende Unternehmen verkauft. Um diesen Dünger herzustellen mussten erstmal Behälter gebaut werden. Dafür wurde ein Transporter mit Steinen beordert, der diese perfekt zur Centerzeit lieferte. Daher halfen alle – selbst unsere Minis, die nicht älter als vier sind – beim Steine schleppen und sortieren mit!  Und so dauerte es gar nicht lange und der Lastwagen war in Nulkommanix leer geräumt!  

Leider waren in unserer letzten Woche nur noch vereinzelt Peacockler, da viele ebenfalls auf Hochzeiten eingeladen waren, oder sich auf anstehende Prüfungen vorbereiten mussten. Das hat aber auch nichts ausgemacht, so hab ich den Schülern Shaun das Schaf vorgestellt. Für diejenigen, die es nicht kennen, das ist eine Zeichentrickserie, die von einem etwas verrückten Schaf handelt, und nur mit Soundeffekten, aber ohne jegliche Sprache auskommt. Das kam auch ganz gut an, fast so gespannt wie das Theaterstück verfolgten die Kinder an einem Nachmittag die Serie.

An unserem letzten Tag waren dann aber zum Glück nochmal all „meine Peacockler“ anwesend. Wir hatten im Vorhinein für alle „regular students“ kleine Workshopmappen angefertigt, die all die Blätter vom vergangenen Jahr enthielten. Diese  händigte ich zuerst an meine Klasse persönlich aus, ich hatte dazu noch die ganzen Tests, sowie einen Brief angefügt. Die strahlenden Kinderaugen machten den ganzen Aufwand und Stress, den wir uns mit diesen Mappen gemacht hatten, wirklich wett. Sonst spielten wir nochmal mit allen zusammen, verteilten Süßigkeiten und verabschiedeten uns so von den Kindern.

Dorf

Zwei unserer Nähmädels, Saubah und Sheema, hatten uns dann auch nochmal zu sich eingeladen: Sie leben auf einer Farm, etwas weiter außerhalb von Setrawa (sie laufen täglich eine Stunde zum Center hin – bewundernswert!). Dort verbrachten wir den Tag zusammen, aßen eine Menge (sie hatten uns sogar nach unseren Leibspeisen gefragt und diese zubereitet!!!), wurden von den neugierigen Nachbarn besucht, spielten Spiele und bastelten Armbänder. Außerdem kleideten sie uns in ein typisch rajasthanisches Outfit ein, wir „halfen“ beim Kühen melken, bzw. standen mehr im Weg herum und hatten eine richtig schöne Zeit zusammen! Es war wie ein Tag Urlaub, dort auf der Farm fernab von allem.

Dann konnten wir auch noch zwei Geburtstage miterleben – einmal den von Suman, eine von unseren Lehrerinnen. Und dann waren wir auch noch bei Kiran, einer unserer Schülerinnen eingeladen. Bei beiden gab es einen leckeren Geburtstagskuchen, denn ohne den findet hier keine „Geburtstagsparty“ statt.    Typisch deutsch liefen wir bei beiden verfrüht auf, sodass wir beim Luftballon Aufpusten und Dekorieren helfen konnten. Dann trudelten nach und nach die anderen Geburtstagsgäste ein. Unter lautem „Ooooh“ und „Aaaah“ folgten die Geburtstagstorten, wahre Sahne, bzw. Schokoladenträume, die auf einem Tisch hübsch drapiert wurden. Ein  paar Kerzen wurden entzündet und man sangfeierlich „Happy Birthday to youuu“,  bevor das Geburtskind die Kerzen auspusten und den Kuchen mit einem Messer anschneiden durfte.  Davon nahm sie dann ein kleines Stück und steckte es jedem Gast in den Mund (bzw. bemalt sie im Gesicht), dieser macht es im Gegenzug gleich. Danach wurden die Geschenke überreicht und es wurde Nasta, das war ein Kuchenstück, Kekse und Chips serviert, bevor sich alle nach Hause verabschiedeten. Das war bei beiden eine richtig süße und nette Veranstaltung. Bei Kiran habe ich mich wie bei einem Kindergeburtstag zurückversetzt gefühlt.  Wir tanzten vorher ein wenig, die Kinder flüsterten sich und uns heimlich ihre Geschenke ins Ohr. Und wie wir dann so alle im Kreis saßen, das war einfach nur herzerwärmend. Auch bei Suman hatte ich das Gefühl, dass die Gäste Suman wirklich gern haben und ihr eine Freude mit ihrer Anwesenheit und ihren Geschenken bereiten wollten. Bei ihr fühle ich mich auch so immer sehr gut aufgehoben und wohl, sie hat eine große Familie, die sich immer um uns kümmert, wenn wir zu Besuch sind und sich freut uns zu sehen.

Lehrerinnen/ Freundinnen

Mit ihr haben wir zum Abschied auch nochmal Pasta gekocht. Auch wenn Suman selber es nicht ganz so gerne mochte, hat die Zubereitung wirklich Spaß gemacht: Die Nachbarn aus dem umliegenden Häusern wurden gerufen um genau zu beobachten, wie denn die „angrezi“ (so werden wir hier genannt, es heißt so viel wie Westler/ Ausländer) Pasta mit Soße kochen. Unter ihren kritischen Blicken zauberten wir eine Tomatensoße und zur Überraschung aller kochten wir die Nudeln nur, ohne sie noch im Öl anzubraten, denn das ist hier so Sitte: Man ist hier auch Pasta nicht zum Mittagessen, oder gar Abendbrot, nein, wenn, dann gibt es diese zum Frühstück! ( Das gabs auch bei uns in der Familie mehrmals, höchst gewöhnungsbedürftig, aber toll, weil es Pasta war und man das schon so manchmal vermisst…). Das Resultat hat dann aber überraschenderweise allen, außer Suman, geschmeckt! (: 

Bei Pooja haben wir die letzten Abende verbracht, mit ihr und ihren Schwestern kurz bevor es dunkel wurde gekocht, geredet, gelacht und einfach nochmal die Gegenwart des anderen genossen.

Beide habe ich in meiner letzten Zeit in Setrawa nochmal wirklich zu schätzen gelernt, sie sind hier mit zu meinen besten Freundinnen geworden.Sie haben mir nicht nur sehr geholfen mich in meinem Alltag zurechtzufinden, mir nähen und Henna beigebracht, sondern mich auch viel über das Leben gelehrt. Ich bewundere ihre starken Persönlichkeiten und bin sehr dankbar dafür sie getroffen zu haben. 

Familie

Auch mit unserer Familie hatten wir ein paar richtig schöne, letzte Momente: So hatte die Nichte von unserer Mutter ihre Hochzeit in unserer, letzten Woche. Vorab mussten dafür sehr viele Vorbereitungen getroffen werden, vor allem  wurde auch kräfitig geshoppt; Unmengen an Kleidern, Saris, Make-Up, Schuhen, Schmuck Geschenke etc. wurde gekauft. An einem Sonntag kurz vor der Hochzeit besuchten wir die Braut gemeinsam mit unseren Gastschwestern Raki und Sonu, Geeta, unsere Cousine Durga und ihrer Schwester, sowie ihrer Tochter – ein richtiger Mädelstrip also. Es war auch richtig lustig, typisch indisch verpassten wir natürlich den Bus und mussten so mit dem Jeep fahren. Dort wurden uns vorallem die verschiedenen Soppingstücke präsentiert, wir besuchten noch irgendeine weiter Cousine auf einer Farm und hatten eine Menge Spaß bei diesem Sonntagsausflug!

In unserer letzten Woche fand dann ebenfalls die Hochzeit statt, bei der Marie und ich in unseren neuen Saris aufliefen. Um ehrlich zu sein, war es nicht die schönste Hochzeit, bei der ich war, jedoch hatte ich mit unserer Familie eine Menge Spaß, und das wird mir lange in Erinnerung bleiben: So haben wir zum Beispiel ein Selfie mit unserem Gastbruder geschossen, uns mit Geeta zusammen fertig gemacht (okay, sie hat mir den Sari schön drapiert und ich durfte mich nicht bewegen), und durften sogar beim Geschenke überreichen helfen!

Am letzten Abend hat uns Durga, unsere Cousine auch nochmal ein Henna gemalt, genau das hatte sie auch am ersten Tag gemacht, sodass es irgendwie den „Kreis schloss“. (Hier sind wir zusammen nochmal mt Durga bei unseren Cousins und Nachbarn, die ebenfalls immer bei uns waren und von denen wir uns auch verabschiedeten)

 Gemeinsam mit Raki und Sonu saßen wir dann noch lange abends draußen und redeten. Später schliefen wir alle gemeinsam oben auf dem Dach nebeneinander und betrachteten noch einmal den wunderschönen Sternenhimmel Setrawas. Unserem Dörfchen sagten wir dann am nächsten Vormittag „tschüss“; besuchten nochmal all unsere Lieblingsorte, die Wüste, das Center, die Lehrerinnen, bevor wir dann gegen Mittag abgeholt wurden und uns ebenfalls von unserer Familie verabschiedeten. 

Abschied

Der Abschied fiel schwer, es könnte aber schlimmer sein: Einerseits geht man mit dem Wissen, dass man nie wieder diesen Setrawa Alltag hier erleben wird. Andererseits weiß ich, dass ich in meiner Jodhpur Zeit Setrawa, und somit auch Pooja und Suman, zwei Lehrerinnen, die ich besonders ins Herz geschlossen habe, auf jeden Fall wiedersehen werde. Genau das gleiche gilt für das Center und unsere Familie, sodass es glücklicherweise kein endgültiger Abschied war. Nichtsdestotrotz viel es mir nicht leicht zu gehen, auch wenn ich mich sehr auf das Reisen und die Zeit in Jodhpur freute.

03April
2015

Frohe Ostern! (:

Meine lieben Leser, ich wünsche euch allen ein schönes und gesegnetes Osterfest!

Auch unseren Sambhali Kindern in Setrawa stattete der Osterhase einen Besuch ab. In Form eines Workshops informierten wir unsere Schüler über das 'Warum' und 'Wie'. Unsere Kleinsten konnten währenddessen ihre eigenen Ostereier designen, welche jetzt das Center schmücken. Besonders begeistert waren alle natürlich vom Osterhasen, der auch bei uns kleine Süßigkeiten versteckt hatte , die unter lautem Getöse gesucht wurden. Am Folgetag bastelten wir dann noch gemeinsam Osterhasenohren. Manche wandelten diese in Krishnas (ein hinduistischer Gott) Kopfbedeckung ab, eine witzige Mischung von Religionen! Danach gab es dann noch ein erfrischendes Eis für alle – lecker!

     

In diesem Sinne, verbringt ebenso schöne Ostertage mit all euren Lieben!

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